Intermezzo Wandersleben

7. August 2016

 

Bache in Arnstadt

Arnstadt ist die Bach-Stadt, die mit der Familie Bach, Johann Sebastians Vorfahren und Verwandten der eigenen Generation, am engsten verbunden ist. Im Jahr 2009, während der Planungsphase für den ersten Bach:Sommer, war allen Beteiligten die große Nähe Johann Sebastian Bachs zu der Spielstätte  Oberkirche und der Spielstätte Wandersleben bewußt. Doch es gibt prominentere Bachstätten in unmittelbarer Nähe. Die Entscheidung für diese beiden Orte verdankte sich ursprünglich persönlichen Bindungen und Vorlieben.

Zunehmend stellt sich jedoch heraus, daß Oberkirche und Pfarrhof in Arnstadt und St. Petri in Wandersleben als Mittelpunkt des Bach:Sommers eine besonders gute Wahl sind: Seit dem Stadtbrand 1582 war die Bonifatiuskirche, die heutige Bachkirche, Ruine. Im 17. Jahrhundert, der Epoche der Arnstädter Bache, stehen andere Orte im Fokus.

Genius loci

„Bach wuchs ja in einer der schönsten Landschaften Europas auf, die in seiner Musik ihre Spuren immer noch hinterlässt“, schrieb Joshua Rifkin in einer Mail 2010 und meint damit das Thüringer Becken und das angrenzende Hügelland als genius loci: rund um Eisenach, Ohrdruf und Arnstadt, der Stadt seiner Vorfahren und Verwandten.

Wer auf den Spuren von Kulturgrößen reist, will ihn sehen und erspüren, den Geist des Ortes, die Aura der Schaffenskraft. Das ist der Reiz von Geburts- und Wohnhäusern, der Reiz von Wirkungs- und Grabstätten. Ob sich der genius loci erleben läßt, hängt aber auch davon ab, inwieweit Originalschauplätze in ihrer ursprünglichen Form überdauert haben und inwieweit das Umfeld sich heute noch als Teil der jeweiligen Epoche lesen läßt.

Barockstadt Arnstadt

So spiegelt sich anders als im mittelalterlichen Mühlhausen und der Klassikerstadt Weimar in der historischen Innenstadt Arnstadt vor allem das barocke Arnstadt. Viele Bauten, Plätze und Straßen (> Bach:Route) zeigen sich bis heute weithin so, wie sie Johann Sebastian Bach und seine Vorfahren gesehen haben: Die Reformation veränderte grundlegend das Bild einer Stadt, deren erste Blüte sich der Christianisierung Mitteldeutschlands und den daraus folgenden frühen und großen Klostergründungen verdankte. In den späten 30er Jahren des 16. Jahrhunderts waren alle Mönche aus der Stadt vertrieben, die herrschenden Schwarzburger hatten sich für den Protestantismus entschieden.

Oberkirche Arnstadt

Als Kirche des Hofes diente nach dem Stadtbrand 1582 die ehemalige Barfüßerkirche, die frühgotische Oberkirche. Katharina von Nassau (geb. 1543), die Witwe Günthers des Streitbaren,  die ihn bis 1624 überlebte, hat erste Umbauten angestoßen. 1611, im Jahr des Dienstantritts Christoph Klemsees als Hofmusicus und Organist, bekam die Oberkirche eine neue Orgel. Der Orgelbauer war Ezechiel Groitzscher (Greutscher, Grütscher, Gretscher etwa 1575/80 bis nach 1625) aus Eisleben. Groitscher und sein Sohn gleichen Namens bauten unter anderem Orgeln in Erfurt, Stadtilm, Greußen und Sangershausen. Die Groitscher-Orgel in der Oberkirche hatte Bestand bis 1760. Ersetzt wurde diese Orgel dann durch eine Schmaltz-Orgel. Der Orgelbauer Johann Stephan Schmaltz ward 1715 zu Wandersleben geboren. 1902 wurde auch dessen Orgel ersetzt. Die Sanierung dieser Sauer-Orgel steht noch an.


Heinrich Bach (1615–1692) und Johann Sebastians Vetter Johann Ernst (1683–1739) spielten die Groitscher-Orgel. Sie war Heinrichs Instrument für einundfünfzig Jahre von 1641 bis zu seinem Tod 1692.


In den späten 1630er und frühen 1640er Jahren, mitten im Dreissigjährigen Krieg, wurde die Oberkirche durch den gräflichen Kalkschneider (Stukkateur) Burkhardt Röhl prunkvoll mit einer neuen Taufe, einer neuen Kanzel und einem neuen Altar ausgestattet. Röhl gehörte zu dieser Zeit das Anwesen Pfarrhof 1, das heutige Hotel Stadthaus Arnstadt – Übernachten im Denkmal.


1642 wurde mit Gräfin Anna (geb. 1574), die erste Schwarzburgerin in der neuen gräflichen Gruft in der Oberkirche beigesetzt und nicht mehr in der Liebfrauenkirche.

Bachstadt Arnstadt

Johann Sebastian Bach war der vorletzte Bach in einer langen Reihe von Familienmitgliedern, die als Hof-, Rats- und/oder Kirchenmusicii in Arnstadt wirkten. Der erste für über hundert Jahre war Caspar Bach (um 1578 in Wechmar(?)–1640), der von 1620–1633 als Hausmann bzw. Türmer und Musiker mit seiner Familie auf dem Neideckturm wohnte. Als Hofmusiker unter Christoph Klemsee blies er Dulzian, eine Frühform des Fagotts. 1633 wurde ihm das Bürgerrecht verliehen und 1635 siedelten sich er und seine Familie in die Jakobsgasse im Norden des Rieds an. Neideckturm und diese bescheidene Wohnstätte sind heute noch erhalten, eine Gedenktafel erinnert in der Jakobsgasse an den ersten Arnstädter Bach.

Im Rahmen der Programmplanung 2012 im Anschluß an den Bach:Sommer 2011 – Rifkin hatte sich in Bad Köstritz seinen Schützforschungen und damit der Barockmusik des 17. Jahrhunderts zugewandt – fing er an, sein Wissen und die Forschungsergebnisse dieser Jahrzehnte in Hinblick auf Arnstadt zu systematisieren: Da spazierten ins Bild Christoph Klemsee (auch Clemsee), der als Hofmusikdirektor von 1611 bis 1646 einer für die damalige Zeit zeitweise großen und leistungsfähigen Hofkapelle vorstand und zudem Organist an der Ober- und Liebfrauenkirche war. Der Einbau der Groitscher-Orgel fiel mit seinem Dienstantritt zusammen.Er war wie Heinrich Schütz (1585–1672) ein Schüler Giovanni Gabrielis (1557– 1612).

1641 übernahm Heinrich Bach von Klemsee  die Oganistenstelle, die Stelle des Stadt- und Hofmusikdirektors war ab 1646 verwaist. Erst ab 1652 wurde Kantor Jonas de Fletin, seinerseits ein Schüler von Heinrich Schütz (1585–1672), zusätzlich zur Kirchenmusik auch mit dieser Aufgabe betraut, unter ihm wirkte ab 1654 Christoph Bach (1613–1661), ein Bruder Heinrichs und der Großvater Joh. Sebastians, bis zu seinem Tod 1661 als Hof- und Stadtmusikus.

Später wirkten in Arnstadt auch dessen Söhne Joh. Ambrosius, der Vater Joh. Sebastians, und Joh. Christoph, der im Unterschied zu seinem Zwillingsbruder Ambrosius bis zu seinem Tode 1693 in Arnstadt blieb. Er war es, der mit seiner Familie, darunter auch sein Sohn Joh. Ernst, der Joh. Sebastians Nachfolger werden sollte, das Haus in der Kohlgasse 4 bewohnte.

Das Thema Altbachisches Archiv als mögliches Programm des Bach:Sommers blitzte bald auf, hatte doch Bachs Onkel Heinrich in der Oberkirche 51 Jahre lang die Orgel gespielt

Heinrichs Sohn Joh. Christoph (nicht zu verwechseln mit gleichnamigen Onkel Joh. Sebastians), eben jener, dessen Werk in Teilen im Altbachischen Archiv wiederzufinden ist, spielte bis zu seiner Berufung 1665 als Organist an die Georgenkirche in Eisenach, unter de Fletin die Orgel der Schlosskapelle zu Arnstadt. Danach übernahm diese Aufgabe bis zu seinem Weggang 1671 nach Gehren sein Bruder Joh. Michael. Er ist der andere Bach, dessen Werk einen Großteil des Altbachischen Archivs ausmacht.

Joh. Christoph und Joh. Michael hatten zwei Töchter des Stadtschreibers Johann Wedemanns geheiratet, die dritte Schwester heiratete den späteren Bürgermeister Martin Feldhaus. Johann Sebastians erste Frau Maria Barbara war eine Tochter Joh. Michaels und Catharina Wedemanns. Früh verwaist nahm sie ihr Patenonkel Feldhaus auf. Felldhaus besaß zwei Häuser in Arnstadt, das „Steinhaus“ und das „Haus zur goldenen Krone“, heute Ledermarkt 7 und Holzmarkt 5.

Als Joh. Sebastian nach Mühlhausen ging, wurden Feldhaus 30 Taler bezahlt, die Summe, die der Organist als jährliche Gehaltszulage für Kost und Logis zugesichet bekommen Läßt sich rückschließen, daß Bach zumindest zeitweise bei Feldhaus untergekommen war oder hat Feldhaus das Geld Für Johann Sebastian oder jemand Dritten in Empfang genommen?

Eine weitere mögliche Wohnstätte wäre die heutige Kohlgasse 4, das Haus von Ambrosius‘ Zwillingsbruder und Sebastians Onkel Christoph. In dem Protokoll der Auseinandersetzung J.S. Bachs vor dem Konsistorium im August 1705 heißt es: „... wie Er gestern abends etwas späte in der Nacht vom Schloßeaus, nachher Hause gegangen und ufm Marck kommen, ...“ Das paßt vom Weg.

 

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